Die Zahl, die fast niemand kennt
Frag zehn Wissensarbeiter, wie viele Stunden sie diese Woche für Projektarbeit haben. Neun antworten mit ihrer Vertragszeit — 40 Stunden, vielleicht 38.
Diese Zahl ist als Planungsgrundlage unbrauchbar. Sie beschreibt die Anwesenheit, nicht die verfügbare Arbeitszeit. Zwischen beiden liegt bei den meisten mehr als ein Drittel der Woche.
Der Unterschied ist keine Kleinigkeit, sondern die Ursache eines wiederkehrenden Musters: Zusagen werden gegen 40 Stunden gemacht, geliefert wird gegen 25. Die Differenz erscheint als Verzug, Überstunden oder als der stille Rückstand, der am Freitag mitgenommen wird. Und weil niemand die Zahl kennt, sucht man den Fehler bei der Disziplin, wo er bei der Arithmetik liegt.
Offenlegung: Wir bauen mit Balane Plan eine App, die genau diese Rechnung laufend führt. Der Rechenweg hier funktioniert mit einer Tabellenkalkulation.
Der Rechenweg
Vertragsstunden
− feste Termine (inkl. Vor- und Nachbereitung)
− Verwaltung, E-Mail, Abstimmung
− Erholung nach Terminen
− Kontextwechselverluste
− Abwesenheit (anteilig Urlaub, Krankheit)
= planbare WochenkapazitätEingesetzt für eine typische Woche mit 40 Vertragsstunden:
| Posten | Stunden |
|---|---|
| Vertragsstunden | 40,0 |
| − feste Termine (8 Termine, im Schnitt 45 Min. plus Vor-/Nachbereitung) | − 8,0 |
| − E-Mail, Abstimmung, Verwaltung | − 5,0 |
| − Erholung nach längeren Terminen (10–15 Min. je Termin) | − 1,5 |
| − Kontextwechsel (ca. 8 pro Tag × 15 Min. × 5 Tage) | − 5,0 |
| − Abwesenheit anteilig (30 Tage Urlaub + Krankheit ≈ 13 %) | − 5,2 |
| Planbare Wochenkapazität | 15,3 |
Fünfzehn Stunden. Das wirkt niedrig, und es ist trotzdem eine ehrliche Rechnung für jemanden mit acht Terminen pro Woche. Wer weniger Termine hat, landet bei 22 bis 28 Stunden. Wer eine Führungsrolle hat, landet häufig unter 12.
Die drei Posten, die am meisten überraschen:
Vor- und Nachbereitung. Ein Termin von 60 Minuten kostet selten 60 Minuten. Er kostet 15 Minuten Vorbereitung, 60 Minuten Termin, 10 Minuten Nachbereitung und 12 Minuten, bis der Kopf wieder in der eigentlichen Arbeit ist. Realistisch also knapp 100 Minuten. Ein Weekly, das in Wahrheit 90 Minuten kostet, darf nicht als 60 geplant werden.
Kontextwechsel. Fünf Stunden pro Woche für nichts als das Umschalten sind der Normalfall, nicht der Ausreißer. Die Rechnung dazu ist unangenehm, aber nachprüfbar.
Anteilige Abwesenheit. 30 Urlaubstage sind 12 Prozent des Jahres. Wer Jahreszusagen gegen 52 volle Wochen macht, hat sechs Wochen zu viel verkauft.
Auslastung: die Zahl hinter der Zahl
Sobald die Kapazität steht, wird die Auslastung interessant:
Auslastung = zugesagte Arbeit ÷ planbare KapazitätUnd hier liegt die zweite unbequeme Erkenntnis: Die richtige Zielgröße ist nicht 100 Prozent.
Ein System, das zu 100 Prozent ausgelastet ist, hat keine Reaktionszeit. Jede Störung — und es gibt jede Woche eine — verschiebt alles Nachfolgende, und weil kein Spielraum existiert, holt es das nie wieder ein. Der Rückstand wächst monoton.
Praktikable Zielwerte:
| Auslastung | Wirkung |
|---|---|
| unter 70 % | Reserven ungenutzt, meist unrealistisch niedrig geschätzt |
| 75–85 % | Zielbereich: Störungen werden aufgefangen, Zusagen halten |
| 85–95 % | Fristen halten nur ohne Störungen |
| über 100 % | Der Rückstand wächst; die Frage ist nur, wo er sichtbar wird |
Die Konsequenz für die Praxis: Bei 15 Stunden planbarer Kapazität sagt man 11 bis 13 Stunden zu, nicht 15. Die verbleibenden Stunden sind kein Leerlauf — sie sind der Grund, warum die zugesagten Stunden gehalten werden.
Wie du an deine echten Zahlen kommst
Die Beispielrechnung oben verwendet Erfahrungswerte. Deine eigenen bekommst du in zwei bis drei Wochen:
1. Terminlast zählen. Aus dem Kalender ablesbar, kostet fünf Minuten. Nicht vergessen: Vor- und Nachbereitung dazurechnen, sonst ist die Zahl systematisch zu niedrig.
2. Verwaltungszeit stichprobenhaft messen. Drei Tage lang mitschreiben, wie viel Zeit an E-Mail, Abstimmung und Organisatorisches geht. Die meisten unterschätzen diesen Posten um den Faktor zwei.
3. Kontextwechsel zählen. Eine Strichliste reicht. Zahl mal 15 Minuten.
4. Aus Messungen statt aus Schätzungen rechnen. Wenn du Arbeitssitzungen ohnehin misst — etwa für deinen Korrekturfaktor — hast du die planbare Zeit bereits als Nebenprodukt: Es ist die Summe der tatsächlich gearbeiteten Fokuszeit.
Genau diesen Weg geht Balane Plan: Weil jede Arbeitssitzung serverseitig gemessen wird und Pausen einen Grund tragen, ergibt sich die Wochenkapazität aus Beobachtung statt aus Annahme — inklusive einer Vorschau über acht Wochen und einer Was-wäre-wenn-Simulation, bevor ein Projekt verschoben wird.
Was du mit der Zahl anfängst
Eine Kapazitätszahl ist kein Selbstzweck. Sie ist die Grundlage für drei Gespräche, die vorher nicht führbar waren.
Das Zusagegespräch. „Passt das noch rein?" ist ohne Kapazitätszahl eine Gefühlsfrage. Mit ihr ist es eine Rechnung: 13 Stunden zugesagt, 4 Stunden neu, 15 Stunden verfügbar — also nur, wenn etwas anderes weicht. Die Frage „was soll dafür warten?" ist unangenehm und deutlich billiger als die Alternative, sie in vier Wochen zu beantworten.
Das Terminlastgespräch. Wenn acht Termine pro Woche fünf Stunden planbare Zeit kosten, ist die Streichung von zwei Terminen wertvoller als jede Produktivitätstechnik. Diese Rechnung ist im Team überzeugend, weil sie nichts über Motivation behauptet.
Das Priorisierungsgespräch. Kapazität macht Priorisierung erst nötig und erst möglich. Ohne Obergrenze ist jede Priorisierung akademisch, weil scheinbar alles hineinpasst.
Der häufigste Einwand
„Wenn ich das so rechne, kann ich ja fast nichts mehr zusagen."
Das ist die richtige Beobachtung und die falsche Schlussfolgerung. Du konntest vorher genauso wenig zusagen — du hast es nur trotzdem getan, und die Differenz ist als Verzug, als Abendarbeit oder als stiller Rückstand aufgetaucht. Die Rechnung erzeugt die Knappheit nicht, sie macht sie sichtbar.
Was sich danach ändert, ist die Reihenfolge der Enttäuschung: Sie tritt beim Zusagen ein statt bei der Lieferung. Das ist unangenehmer im Moment und in jeder anderen Hinsicht besser — für den Auftraggeber ebenso wie für den, der liefert.
Fazit
Wochenkapazität ist die Zahl, die zwischen einer Aufgabenliste und einem haltbaren Versprechen steht. Sie zu kennen kostet zwei Wochen Messung, sie zu ignorieren kostet dauerhaft die Differenz zwischen 40 und 25 Stunden.
Und sie ist die Voraussetzung dafür, dass Tagesplanung mehr ist als eine höflichere Art, dieselbe Überlast über fünf Tage zu verteilen.
Häufige Fragen
Wie viele Stunden pro Woche sind realistisch planbar?
Bei einer 40-Stunden-Woche sind 22 bis 28 Stunden planbare Arbeitszeit ein realistischer Ansatz. Der Rest geht an Termine, Abstimmung, Verwaltung, Kontextwechsel und Erholung. Bei Führungsrollen liegt der Wert oft unter 15 Stunden.
Ist geringe planbare Zeit ein Zeichen schlechter Organisation?
Nein. Abstimmung, Führung und Verwaltung sind Arbeit, nur eben nicht planbare Projektarbeit. Das Problem entsteht erst, wenn Zusagen gegen die Vertragsstunden gemacht werden statt gegen die planbare Zeit.
Wie gehe ich mit Urlaub und Krankheit in der Kapazitätsplanung um?
Urlaub wird als bekannte Abwesenheit abgezogen, Krankheit als Erfahrungswert über das Jahr — meist zwischen 3 und 6 Prozent. Wer beides ignoriert, plant ein Jahr, das es nur für gesunde Menschen ohne Urlaub gibt.
Wann sollte man Kapazität neu rechnen?
Einmal wöchentlich für die kommende Woche und einmal im Quartal für den Ausblick. Häufiger lohnt nicht, weil die Zahlen träge sind; seltener ist zu grob, weil sich Terminlast von Woche zu Woche deutlich unterscheidet.